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Rätselhafte Welten

 

Mit Schere, Feuerzeug und Nähgarn rückt sie ihren Bildern zu Leibe. Experimentierfreudig und voller skurriler Einfälle übermalt sie alte Fotografien, fügt ausgeschnittene Teile zu neuen Collagen, „vernäht“ Personen und Handlungen zu überraschenden Situationen und schafft durch Ausbrennen von Details ebenso faszinierende wie erschreckende Bildwelten. Hinzu treten raumgreifende Installationen, in denen etwa tanzende Holzstühle die Hauptrolle spielen.

In ihrer Ausstellung „Intervall“ im Städtischen Museum in Engen schickt Alexandra Baumgartner den Betrachter auf eine Reise in die Lücken zwischen Realität und Traum. Gemäß dem suggestiven Ausstellungstitel entführt uns die 1973 in Salzburg geborene, in Wien und Berlin lebende Künstlerin in eigentümlich rätselhafte Erfahrungswelten zwischen dem Sichtbaren und dem Irrealen, öffnet mit ihren Fotocollagen, Zeichnungen und Rauminstallationen unserem Auge neue Wahrnehmungs- und Denkebenen jenseits des Bekannten und Vertrauten.

Als Ausgangsmaterial für ihre eindringlichen und sorgsam komponierten Bildmontagen nutzt Baumgartner historische Fotografien und Magazinausschnitte aus den 1930er- bis 1950er-Jahren, die sie von Flohmärkten und aus Wohnungsauflösungen bezieht. Im Fokus der collagierten Werke stehen Menschen und Gesichter, aber auch Pflanzen, Landschaften und Tiere, die durch gezielte Eingriffe der Künstlerin ebenso subtil wie kraftvoll verfremdet und auf eine andere Stufe gehoben sind, in der das Dargestellte in einer Schwebe zwischen konkreter Gegenständlichkeit und gedanklicher Fiktion erscheint.

Witzig und bizarr, bisweilen verstörend und dramatisch, stets surreal anmutend und symbolwirksam aufgeladen, sind Baumgartners Bilderzählungen voller Mystik und Geheimnisse: da verschwindet ein nackter Frauenkörper im Fell eines Bibers, dort weint eine Frau Tränen aus schwarzen Fäden, hier greifen Arme aus dem Nichts in eine Bergidylle, dort ist ein Dirigent seinem Orchester durch eingenähte Linien untrennbar verbunden. „Thema meiner Arbeiten sind psychische und moralische Abgründe, Grenzzustände und Ängste“, erklärt die Künstlerin Aussage und Wirkung ihrer Werke.

Dazu passt die große Installation „Entreakt“, die den Hauptraum der Ausstellung dynamisch in Szene setzt. Flankiert von lebensgroßen Fotografien hysterischer Frauen aus der Sammlung des Pariser Neurologen Jean-Martin Charcot aus dem späten 19. Jahrhundert entfaltet sich ein Ballett sorgfältig ausbalancierter Stühle. Es entsteht eine magische Interaktion, ein gleichsam übersinnlicher Moment, der die Sitzmöbel scheinbar zum Tanzen bringt. Für den Betrachter werden neue Dimensionen, Räume im vielbeschworenen Dazwischen spürbar, die das Nicht-Fassbare und die Kraft der Imagination zum Ausdruck bringen.

Baumgartner spielt mit Situationen des Unterbewussten und Abseitigen, in denen sich die Perspektiven zwischen dem Gezeigten und dem Unwägbaren verschieben. Ihr gestalterischer Ansatz wurzelt in der kunstgeschichtlichen Tradition der Dada-Bewegung und des Surrealismus: Erinnerungen an Arbeiten von Marcel Duchamp, Man Ray, Max Ernst und Hanna Höch schwingen mit. Durch die verblüffende Kombinatorik der Motive und Themen treffen oftmals gegensätzlichste Realitäten aufeinander und lassen neue emotionale, psychische oder poetische Konstellationen entstehen. Die Personen, Dinge und Orte gewinnen ein seltsames Eigenleben im Sinne einer transzendenten Metamorphose. Die Bilder und Raumarrangements verdichten sie zu traumartig-visionären Tableaus, die gleichermaßen beeindrucken wie irritieren.

 
Andreas Gabelmann, Südkurier, 03.02.2015

 

 

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Die Fotocollagen der österreichischen Künstlerin Alexandra Baumgartner erschüttern und beunruhigen. Sie lässt surreale Bilder, regelrechte Alptraumsequenzen entstehen, die den Betrachter herausfordern und Fragen aufwerfen. Wer sind diese Menschen? Und was passiert mit ihnen? Zu sehen sind ausgebrannte Gesichter, hinter denen ein zweites zum Vorschein kommt: hinter der Frau verbirgt sich ein Mann, hinter dem männlichen Gesicht wird ein weibliches Antlitz sichtbar. Ein häufig wiederkehrendes Motiv sind Hände, die in das Bildgeschehen eingreifen und Münder verschließen, ja ganze Gesichter vereinnahmen.

Baumgartner zerschneidet, verbrennt, bemalt und bestickt Bildmaterial aus den 1930er- bis 50er- Jahren, das sie von Flohmärkten und Wohnungsauflösungen bezieht. Häufig hat man den Eindruck, als wirke eine äußere Kraft auf die Porträtierten ein. Die Menschen sind meist nicht zu identifizieren, da ihre Gesichter bis zur Unkenntlichkeit verändert sind. Jede Persönlichkeit löst sich auf, und es entstehen hybride Wesen, Mutanten, Mischungen aus Mensch und Tier. Mal greift das Tier den Menschen an, beißt in Gesicht und Genitalien, oder der Mensch nähert sich dem Tier auf bedrohliche Weise. Manche Collagen lassen an medizinische Versuchsanordnungen denken, ja gar an Menschenversuche, wie sie in Zeiten des Nationalsozialismus durchgeführt wurden.

Stellt sich in den Bildern die Suche des Menschen nach der eigenen Identität dar? Handelt es sich um eine Aufarbeitung deutscher Historie, die verdrängt war, oder um traumatisierte Seelen, die nicht sehen, nicht hören und nicht sprechen wollen?

"Thema meiner Arbeiten sind psychische und moralische Abgründe, der physische Verfall des Menschen, Vergänglichkeit, Beziehungsgeflechte, Grenzzustände, Kontrollverlust und Ängste. Die Natur, die uns bestimmt, und der Mensch, der versucht, sie zu kontrollieren, aber im Grunde dennoch unterlegen bleibt. Diesen Kampf führt ja jeder mit sich. Das Tier in uns, das Animalische, das man zu kontrollieren versucht und das doch immer wieder durchkommt, ob wir wollen oder nicht.", sagt die Künstlerin selbst über ihre Arbeiten.

Nicht zuletzt vergegenwärtigen die Arbeiten auch, wie entscheidend die Perspektive des Betrachters, seine Erfahrungen und Sichtweisen, bei der Wahrnehmung eines Kunstwerks sind.

 

Janina Vitale, Kuratorin DZ BANK Kunstsammlung

 

 

 

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Bibliography:

 

 

astral bodies, exhibition catalogue, künstlerhaus bethanien berlin, 2017

 

 

neue schwarze romantik, exhibition catalogue, künstlerhaus bethanien berlin, 2017

 

 

intervall, alexandra baumgartner, catalogue, städtisches museum engen, 2015

 

 

Списание ФОТОмания/photomania, photomagazin bulgaria, Nr. 35/2015 

 

 

sessel, hocker, stuhl in der kunst, exhibition catalogue, Galerie im Traklhaus Salzburg, 2014

 

 

art. das kunstmagazin Nr. 10/2013, rubrik: starter

http://www.art-magazin.de/kunst/65896/alexandra_baumgartner_starter
 
 
untitled, the state of art Nr. 1/2011, a matter of time
http://untitled-mag.com/magazin/2011/08/der-zeit-ihre-kunsteditorial-001.html
 
 
visum et repertum, exhibition catalogue, Stella Art Foundation in Moscow, 2006
 
 
figurama, exhibition catalogue, Hochschule für angewandte Kunst Prag/ Universität für angewandte Kunst Wien, 2003/04/05 
 
 
intervall, alexandra baumgartner, catalogue, 2015
 
 

 

 

 

links:

 

http://busche-kunst.com/kuenstler/alexandra-baumgartner/

 

http://www.instant-edition.at/alexandra-baumgartner-9/

 

http://artitious.com/artist/alexandra-baumgartner/